Viele Kolleg:innen haben bei ihm den Radio-Journalismus von der Pike auf gelernt, nicht wenige von ihnen brachte er in den DJV: An Werner Alberts werden sich die jungen Kolleg:innen wohl kaum erinnern können, höchstens vom Hörensagen, wohl aber die älteren Semester, die ihn kannten, schätzten und ihm so oft so vieles zu verdanken haben.


Am 15. April 2026 ist Werner Alberts, unser langjähriger Vorsitzender und verdienter Ehrenvorsitzender, im Alter von 87 Jahren verstorben. Unsere Gedanken sind bei seiner Familie, seinen Freunden und bei all jenen, die sich gemeinsam mit uns an seine Geschichten, seine Anekdoten und sein Wirken erinnern wollen.


1938 in Dortmund geboren, wächst Werner inmitten von Kriegswirren, Bombardierungen und Mangel im Ruhrgebiet auf. Mit gerade einmal 20 Jahren kommt er im in Schutt und Asche liegenden Nachkriegsdeutschland zum Journalismus – und wird DJV-Mitglied: engagiert, motiviert und mit dem klaren Anspruch, sich zunächst schreibend bei der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ), dann im öffentlich-rechtlichen Rundfunk journalistisch zu entwickeln. Dieser Weg soll ihn fast 40 Jahre begleiten, bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand.


Wir schreiben das Jahr 1964. Klaus von Bismarck, Urgroßneffe des ersten deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck, ist WDR-Intendant. Er etabliert in Essen einen regionalen Ableger des noch jungen Senders, ein Ein-Mann-Studio mit Werner Alberts als Reporter der ersten Stunde. Das Revier ist im Hörfunkprogramm des WDR bis dahin eher unterrepräsentiert; das ändert sich nun grundlegend. In jener Zeit brodelt es im Kohlenpott: 30 Großzechen stehen vor der Schließung, die Ruhr-Universität in Bochum nimmt ihren Betrieb auf, im Opel-Werk läuft der millionste Kadett vom Band, und mit Tobias geht das letzte Grubenpferd in Rente. Als die Pilzköpfe die Essener Grugahalle zum Kochen bringen, ist Werner vor Ort – und entlockt Ringo Starr am Ende des Konzerts ein kleines, beiläufiges Geständnis: Der Beatles-Schlagzeuger berichtet im Interview von Heimweh auf seinen weltweiten Tourneen. Er ist nicht der einzige Weltstar, dem Werner persönlich begegnen soll.


In nur einem Jahr bringt der 25-Jährige im Alleingang rund 150 Hörfunksendungen auf den Sender und damit in die Köpfe der Menschen. Erst ein Jahr später erhält er Unterstützung. Fortan berichten er und seine Kollegen über das, was im Herzen des Ruhrgebiets geschieht – von der Entführung des Aldi-Gründers Theo Albrecht über das Gladbecker Geiseldrama bis hin zum Besuch von Papst Johannes Paul II. im Jahr 1987. Rolf Buttler ist damals Studioleiter. Werners Beiträge finden Resonanz, das Studio wächst über die Jahre und Jahrzehnte. Aus dem Ein-Mann-Reporter wird ein Redaktionsteam mit weit über 100 festen wie freien Kolleg:innen am Standort Essen. 37 Jahre bleibt er dem Studio am III. Hagen und dem Hörfunk treu, springt in der Vakanz kurzzeitig für die Studioleitung ein, fördert und fordert zahlreiche Kolleg:innen. An der heutigen Universität Duisburg-Essen bringt Werner jungen Student:innen den Lokaljournalismus nahe – eine Aufgabe, die er immer sehr geliebt hat. Genauso wie sein Ferienhaus im nordholländischen Küstenort Callantsoog, wo er seine Zeit abseits des Senders gerne verbracht hat.


Dem Radio schließen sich das Fernsehen und später das Internet beim WDR an. Werner Alberts geht in Rente – jedoch nicht in den vollständigen Ruhestand. Er bleibt dem Sender als freier Autor verbunden und widmet sich mit spitzer Feder einer besonderen Freundschaft. Diese pflegt er über viele Jahrzehnte zur Familie Heinemann, im Besonderen zu Uta Ranke-Heinemann, für die er gelegentlich sogar gekocht hat. Sie, älteste von vier Kindern Gustav Heinemanns, des dritten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland, habilitiert 1969 als erste Frau weltweit in katholischer Theologie.


Werner Alberts zeichnet ihr Leben und ihre Lebensleistung als Biograph in „Uta Ranke-Heinemann. Abschied vom Christentum“ nach. Der nicht immer einfache Weg der streitbaren, hochintelligenten und eigenwilligen Theologin wird auf 175 Seiten gebannt. Nicht jede Formulierung trifft auf Gegenliebe bei der Theologin, insbesondere eine erwähnte vermeintlich private Beziehung. Es kommt zum Knatsch. In vielen seiner Anekdoten bleibt die Figur Uta Ranke-Heinemann jedoch zeitlebens ein wiederkehrendes Thema – insbesondere ihr Konflikt mit der katholischen Kirche, der 1987 im Entzug der Lehrerlaubnis gipfelt, nachdem sie die Jungfräulichkeit Mariens nach der Geburt Jesu in Frage stellt.


Als Vorsitzender prägt Werner Alberts den DJV-Bezirksverein Essen, der später zum DJV Essen-Mülheim-Oberhausen fusioniert, fast 20 Jahre lang. Er führt den Stammtisch ein, zunächst im Europahaus auf dem Kennedyplatz, später wandert dieser durch die Gastronomiebetriebe der Stadt. Hier tauscht sich die Presselandschaft der Region aus – von WAZ, NRZ, WDR, Pressestellen & Co. Nach der Jahrtausendwende wird Werner Alberts Ehrenvorsitzender des DJV EMO. Als ihm zur Feier des Tages „kurz“ das Wort erteilt wird, holt der rüstige Rentner aus.


Gebannt lauschen die Anwesenden seinem halbstündigen Monolog über die „gute alte Zeit“ in der Redaktion und im Ruhrgebiet. Werner kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen, er sprudelt vor Erinnerungen. Und natürlich landet die Runde am Ende bei seinem Lieblingsthema: dem blauen Himmel über der Ruhr. Diesen habe er dem Vernehmen nach im Alleingang „gerettet“, indem er etliche Sendungen über die Luftverschmutzung im Revier produziert habe. So erzählt es der Umweltliebhaber es jedenfalls gerne selbst.


„Er war im Essener Studio schon eine eigene Marke – und auch weit darüber hinaus. Unzählige Kolleginnen und Kollegen haben von ihm den Radio-Journalismus gelernt. Seine Geschichten bei Stammtischen waren stets unterhaltsam und kurzweilig. Besonders in Erinnerung bleiben auch seine selbstironischen, teils hypochondrischen Berichte“, erinnert sich ein Vorstandskollege. Werner Alberts hat immer eine Geschichte parat. Auch sein „Schreibtisch beim WDR“ bleibt noch lange nach seinem Ruhestand Gesprächsthema. Darin habe er angeblich die Annalen des DJV-Bezirksvereins Essen aufbewahrt. Vergeblich suchen Generationen von Kolleg:innen danach – bis heute. Zuletzt soll der Schreibtisch auf dem berühmt-berüchtigten Dachboden gesichtet worden sein. Geblieben sind vor allem seine Erzählungen von den dicken Ordnern, unzähligen Fotografien und so manchem verschollenen Protokoll.


In „WDR Retro“ auf wdr.de ist aktuell nur noch ein einziger Beitrag von Werner Alberts verfügbar – einer, der in seiner Themenwahl in Zeiten von Artemis II und der Mondumrundung erstaunlich zeitlos wirkt. In „Erstmals schwebt ein Mensch frei im Weltraum“ vom 18.03.1965 interviewt Werner den Weltraumforscher und damaligen Leiter der Sternwarte in Bochum, Heinz Kaminski. Fünf Minuten und eine Sekunde lang dreht sich alles um das sowjetische Raumschiff „Woschod 2“, bei dessen Flug erstmals ein Mensch den geschützten Raum des Raumschiffs verlässt. Werner Alberts ist am Boden als Reporter dabei.


Der DJV EMO verneigt sich vor seinem Ehrenvorsitzenden, Kollegen und Weggefährten. Möge Werner seinen Frieden finden – im blauen Himmel über der Ruhr, dem er sich zeitlebens verbunden fühlte.