„Zu einem guten Foto gehöre beides – das Nachrichtliche und das Emotionale”, so die Maxime der 1965 in Höxter geborenen Fotojournalistin Anja Niedringhaus. In der Ausstellung „An vorderster Front” in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen lassen wir uns als Ortsverein Essen-Mülheim-Oberhausen von ihren Arbeiten berühren.


Eine mentale Reise durch die Kriegsgebiete


Eineinhalb Stunden unserer Führung werden zu einer mentalen Reise durch die Kriegsgebiete der 90er Jahre bis 2014: durch den Balkan, den Irak und Afghanistan. Direktorin Dr. Christine Vogt hat zwölf Jahre nach dem Tod der Pulitzer-Preisträgerin zusammen mit deren Schwester und Nachlassverwalterin Gide Niedringhaus über 250 Fotos und persönliche Gegenstände ausgewählt. „Anja Niedringhaus hat mitten in unübersichtlichen Kriegshandlungen perfekte Fotos gemacht”, so Christine Vogt. Ein gerade getötetes Mädchen wird 1993 in Sarajevo von der Familie umrahmt. Der Betrachter wird durch die Perspektive mit hineingenommen.

Führung durch die Ausstellung von Anja Niedringhaus
Foto: Peter Braczko


„Kriege bedeuten nur Leid, es gibt nur Verlierer”, fasst Christine Vogt für sich die Botschaft der Ausstellung zusammen. Wir stehen vor der Vitrine mit ihrer kugelsicheren Weste. „Anja” steht dort schlicht auf einem Aufkleber, mit Filzstift geschrieben. Mehrere Male soll die Weste sie vor dem Tod geschützt haben. Wir sind sprachlos, weil ihre Unerschrockenheit und die Handschrift ihrer Fotos dokumentieren, was ihr Journalisten-Leben ausmachte: unabhängiges Erzählen, weil es sonst nicht erzählt und nicht gesehen wird, wie Niedringhaus es selbst einmal formulierte.


Meisterhafte Wimbledon-Momente


2014 wird sie in Afghanistan von einem Polizisten erschossen, der sie und ihre Kollegin eigentlich beschützen sollte. Beide saßen in einem PKW und wähnten sich in Sicherheit. Was bleibt, sind ihre meisterhaften Fotos. Zum Schluss atmen wir beim Anschauen ihrer nicht weniger emotionalen Sport-Fotos durch. Wie das von Serena Williams beim Wimbledon-Sieg 2012.

Führung durch die Ausstellung von Anja Niedringhaus
Foto: Peter Braczko


Die Tennis-Spielerin jubelt mit einem Luftsprung – da haben das Publikum und die Presse-Kollegen deren Sieg offenbar noch nicht erfasst. Anja Niedringhaus erfasste, was geschehen wird, wie so oft Sekunden im Vorhinein. Einige von uns wollen wiederkommen und noch mal eintauchen in ihr Leben (Ausstellung bis zum 13. September 2026).